Tür- und Fensteröffnung geübt: Menschenrettung mit Sperrwerkzeugen

Der Feuerwehrschwerpunkt Vechelde/Wahle wird immer häufiger mit der Aufgabe konfrontiert, Türen oder Fenster zu öffnen. Hinderlich dabei ist, dass, auch auf Empfehlung der Polizei, Wohnungen und andere Objekte immer besser gegen Einbrüche gesichert werden. Durch diese immer besser werdende Objektsicherung wird im Einsatzfall die Wohnungsöffnung, die bei Alarmierungen mit dem Hinweis „Menschenleben in Gefahr“ (Abkürzung „Y“) erforderlich wird, erheblich erschwert. Immer dann, wenn die Feuerwehr als „Schlüsseldienst“ tätig werden muss, obliegt dem Einsatzleiter die Entscheidung ob gegen Artikel 13 (1) – „Die Wohnung ist unverletzlich“ – des Grundgesetzes verstoßen werden darf. Die Ermächtigung dazu findet sich im Niedersächsischen Brandschutzgesetz (§ 39 – Einschränkung von Grundrechten und § 24 – Befugnisse der Einsatzleiterin oder des Einsatzleiters) bzw. im Niedersächsischen Polizei- und Ordnungsbehördengesetz (§ 24 – Betreten und Durchsuchung von Wohnungen). Dabei muss der Einsatzleiter aber stets das „Übermaßverbot“ beachten: Es ist stets das Mittel zu wählen, mit dem der geringste Schaden verursacht wird! Und das muss geübt werden. Von daher haben wir aktuell eine Stationsausbildung in Kleingruppen durchgeführt bei der die zerstörungsfreie Tür- und Fensteröffnung im Vordergrund stand. Darüber berichten wir mit diesem Beitrag:

Wir finden heute an unseren Einsatzstellen, z.B. in den Haustüren, nicht mehr einfache Kastenschlösser vor, die mit einem Dietrich geöffnet werden können. Deshalb müssen wir gut darauf vorbereitet sein, um Türen zu öffnen, die mit Mehrfachverriegelungen, stabilen Schließblechen, Panzerriegeln, Profilzylinder mit An- bzw. Aufbohrschutz, Tür-Zusatzschlössern, Türhebesicherungen, Türketten, Riegel und Schutzrosetten usw. gesichert sind.

Deshalb wurden, um praktische Übungen durchführen zu können, im derzeit noch nicht ganz fertiggestellten Anbau an das Feuerwehrhaus eine Übungstür und ein Übungsfenster eingebaut. Daran wurde nun erstmalig in Kleingruppen an zwei Übungsabenden intensiv geübt; schließlich ist die Sperrwerkzeugausstattung unserer Wehr umfänglich und es bedarf hinsichtlich des Umganges damit eines gewissen handwerklichen Geschicks.

Allerdings bleibt bei sehr hochwertigen Sicherungen im Einsatzfall dann nur die gewaltsame Zerstörung der Tür oder eines Fensters, z.B. mit dem Halligan-Tool, einer Brechstange, einem Nageleisen oder im Extremfall mit dem hydraulischen Spreizer oder der Motorsäge!

Die Hilfsmittel, die zur zerstörungsfreien oder auch nicht zerstörungsfreien Tür- und Fensteröffnung im Feuerwehrschwerpunkt Vechelde/Wahle verfügbar sind, wurden den Übungsteilnehmern zunächst vorgestellt. Als ein gewisser Standard hat sich der Einsatz eines „Knackrohres“ oder der „Ziehglocke“ erwiesen. Damit wird der Kern eines Profilzylinders herausgezogen oder der Steg, durch den die Befestigungsschraube geführt ist, gebrochen. Diese Vorgehensweise muss von den Einsatzkräften sicher beherrscht werden.

Hinsichtlich der zerstörungsfreien Öffnungstechniken vermittelten unserer Ausbilder/in Jonathan Adlers-Flügel und Meike Fedortschenko wie einerseits mit gebogenen Fahrradspeichen, Türfallenbleche, Kunststoffscheiben und spezieller Türfallenhebel nicht abgeschlossene Türen geöffnet werden können. Meikes Spezialgebiet ist die Öffnung gekippter Fenster. In Abhängigkeit von der Fensterausführung kommt eins der verfügbaren Kippfensteröffnungswerkzeuge zum Einsatz. Eine gewisse Fingerfertigkeit ist beim Einsatz dieser Werkzeuge schon erforderlich …

Unter Leitung von Rouven Matthies wurde an einer weiteren (abgeschlossenen) Übungstür der Einsatz von Ziehschrauben in Verbindung mit der Zylinderziehglocke geübt. Bei besonders gehärteten bzw. bei Profilzylindern mit Aufbohrschutz bleibt dann nur der Einsatz eines Geradschleifers. Allerdings können diese lange dauernden Fräsarbeiten nur bei zeitunkritischen Einsatzsituationen durchgeführt werden. Bei „Menschenleben in Gefahr“ muss, wenn die einfachen Mittel nicht funktionieren auch türblattzerstörend vorgegangen werden.

Als Resümee stellten die Teilnehmer dieser Stationsausbildung fest:

Umso besser eine Wohnung gesichert ist, bzw. die Wohnungseingangstür, umso schwieriger wird die Öffnung der Tür durch die Feuerwehr im Einsatzfall. Allerdings wurde ebenfalls vermittelt und festgestellt: Kann eine Tür mit dem verfügbaren Sperrwerkzeugen nicht geöffnet werden, haben wir auch noch andere (allerdings zerstörende) Möglichkeiten …

Text: Michael Hanne